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Für Lehrkräfte & Pädagog:innen Gefühle & Emotionen

Wenn es zu viel wird

Manche Kinder werden laut. Andere ziehen sich zurück. Wieder andere beginnen zu weinen, verweigern Aufgaben oder wirken plötzlich völlig unkonzentriert.

Im Schulalltag sieht Überforderung sehr unterschiedlich aus.

Gerade in der Grundschule fehlt vielen Kindern noch die Fähigkeit, frühzeitig zu erkennen: Mir wird das gerade zu viel. Stattdessen zeigt sich die innere Anspannung oft erst dann, wenn sie schon sehr hoch ist.

Für Lehrkräfte entsteht dadurch eine schwierige Situation: Einerseits braucht das Kind Unterstützung, andererseits läuft der Unterricht weiter und auch die anderen Kinder benötigen Aufmerksamkeit.

Umso hilfreicher sind kleine Strategien, die Kinder nach und nach selbstständig einsetzen können.

Selbstregulation muss erst gelernt werden

Selbstregulation bedeutet vereinfacht gesagt, eigene Gefühle, Gedanken und körperliche Reaktionen so zu beeinflussen, dass man wieder handlungsfähig wird.

Das können Grundschulkinder noch nicht zuverlässig alleine.

Sie brauchen zunächst Erwachsene, die ihnen helfen, ihre Signale wahrzunehmen und passende Möglichkeiten kennenzulernen.

Dabei geht es nicht darum, unangenehme Gefühle möglichst schnell „wegzumachen“.

Wut, Angst, Frust oder Überforderung dürfen da sein.

Das Ziel ist vielmehr, Kindern Wege zu zeigen, wie sie mit diesen Gefühlen umgehen können, ohne sich selbst oder andere zu überfordern.

Besonders hilfreich sind dafür kurze und leicht verständliche Strategien, die auch mitten im Schulalltag umsetzbar sind.

1. Eine kurze Atemübung

Atmen klingt zunächst banal. Gerade deshalb eignet es sich gut für die Schule.

Kinder brauchen keine komplizierten Atemtechniken. Oft reicht es bereits, den Atem bewusst zu verlangsamen.

Eine einfache Variante:

Das Kind legt eine Hand auf den Bauch und atmet langsam durch die Nase ein. Anschließend pustet es die Luft möglichst langsam wieder aus, als würde es eine Kerzenflamme bewegen, aber nicht auspusten.

Drei bis fünf Atemzüge können schon ausreichen.

Wichtig ist, solche Übungen nicht erst in einer akuten Überforderung einzuführen.

Übt die Technik lieber in ruhigen Situationen gemeinsam mit der ganzen Klasse. So kennt das Kind sie bereits, wenn es sie tatsächlich braucht.

2. Bewegung nutzen

Nicht jedes Kind wird durch Stillsitzen ruhiger.

Gerade bei innerer Anspannung kann Bewegung helfen, überschüssige Energie abzubauen.

Das muss keine Sporteinheit sein.

Schon kleine Bewegungsaufgaben können funktionieren:

  • zehnmal kräftig die Hände gegeneinander drücken

  • die Schultern hochziehen und wieder fallen lassen

  • für einen Moment gegen eine Wand drücken

  • einmal bewusst den Flur entlanggehen

  • Arme und Beine ausschütteln

Für manche Kinder sind solche körperlichen Strategien deutlich leichter zugänglich als Gespräche über Gefühle.

3. Einen kurzen Rückzugsort ermöglichen

Manche Kinder brauchen einen Moment, in dem weniger Reize auf sie einwirken.

Das kann ein fester Platz im Klassenraum sein, ein kleiner Tisch etwas abseits oder ein vereinbarter Rückzugsort.

Wichtig ist, dass dieser Platz nicht wie eine Strafe wirkt.

Ein Rückzugsort sollte vielmehr vermitteln:

Du darfst dich kurz sammeln und anschließend wiederkommen.

Je klarer die Regeln sind, desto besser funktioniert das im Alltag.

Zum Beispiel:

„Du kannst fünf Minuten dort sitzen und danach schauen wir gemeinsam, ob du wieder bereit bist.“

4. Gefühle sichtbar machen

Kinder wissen manchmal selbst nicht genau, was gerade in ihnen passiert.

Dann können Bilder, Farben oder einfache Skalen helfen.

Zum Beispiel:

„Wenn dein Gefühl gerade eine Farbe hätte – welche wäre es?“

Oder:

„Wie voll ist dein innerer Akku gerade?“

Auch eine Skala von 1 bis 5 kann hilfreich sein.

Dabei geht es nicht um eine perfekte Benennung des Gefühls.

Das Kind lernt vielmehr, die eigene innere Situation überhaupt wahrzunehmen.

Und genau das ist eine wichtige Voraussetzung für Selbstregulation.

5. Eine persönliche Strategie auswählen

Nicht jede Strategie funktioniert für jedes Kind.

Ein Kind braucht Bewegung.

Ein anderes möchte kurz allein sein.

Ein drittes profitiert von einer Atemübung.

Deshalb ist es sinnvoll, Kindern verschiedene Möglichkeiten anzubieten und gemeinsam herauszufinden:

Was hilft mir eigentlich, wenn es mir zu viel wird?

Diese Frage ist viel hilfreicher als die Erwartung, dass alle Kinder dieselbe Methode anwenden.

Mit der Zeit kann jedes Kind eine kleine persönliche Sammlung an Strategien entwickeln.

Selbstregulation funktioniert am besten, bevor es eskaliert

Ein entscheidender Punkt wird im Schulalltag häufig unterschätzt:

Strategien zur Selbstregulation sollten möglichst nicht erst dann eingesetzt werden, wenn ein Kind bereits völlig aufgebracht ist.

In diesem Moment ist der Zugang zu Sprache, Reflexion und neuen Ideen häufig eingeschränkt.

Deshalb lohnt es sich, schon vorher mit Kindern darüber zu sprechen:

  • Woran merke ich, dass es mir zu viel wird?

  • Was passiert dann in meinem Körper?

  • Welche Dinge helfen mir?

  • Wen kann ich um Unterstützung bitten?

Je häufiger Kinder diese Fragen in ruhigen Situationen bearbeiten, desto eher können sie ihre Strategien später selbstständig nutzen.

Kleine Hilfen direkt im Klassenraum

Für den Schulalltag finde ich es besonders praktisch, wenn Kinder ihre Möglichkeiten nicht erst aus einem langen Arbeitsblatt heraussuchen müssen.

Deshalb habe ich für meine Selbstregulations-Toolbox „Wenn es zu viel wird“ fünf kompakte Strategiekarten im A5-Format entwickelt.

Die Karten können zum Beispiel:

  • im Klassenraum sichtbar aufgehängt,

  • an einem Ruheplatz ausgelegt,

  • mit einzelnen Kindern besprochen,

  • in Kleingruppen eingesetzt

  • oder gemeinsam im Unterricht eingeführt werden.

Jede Karte bietet einen einfachen Impuls, den Kinder schnell verstehen und ausprobieren können.

Die Toolbox ist bewusst niedrigschwellig gestaltet und soll Kindern keine bestimmte Reaktion vorschreiben.

Stattdessen können sie verschiedene Möglichkeiten kennenlernen und herausfinden, was ihnen persönlich hilft.

Die Selbstregulations-Toolbox „Wenn es zu viel wird“ findest du in meinem Eduki-Shop.

Ein letzter Gedanke

Ein Kind, das sich gerade nicht regulieren kann, braucht nicht unbedingt noch mehr Ermahnungen.

Manchmal braucht es zuerst eine Möglichkeit, wieder bei sich anzukommen.

Selbstregulation entsteht nicht von heute auf morgen.

Aber jedes Mal, wenn ein Kind merkt:

Ich erkenne, was gerade in mir passiert.

und

Ich weiß, was mir helfen könnte.

wächst ein kleines Stück Selbstständigkeit.

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